Reden hilft!

Im Gemeindebrief Gemeinsam der Evangelischen Kirchengemeinde am Kottenforst erschien folgendes Interview mit Christiane Wellnitz. Den Gemeindebrief können Sie hier lesen.

Wenn das Leben sich verfinstert

Ein Gespräch mit Christine Wellnitz (von der Evangelischen Beratungsstelle Bonn)

Die drei Evangelischen Kirchenkreise Bonn, Bad Godesberg-Voreifel sowie An Sieg und Rhein tragen gemeinsam die Evangelische Beratungsstelle Bonn, die im Haus der Evangelischen Kirche am Rhein in der Adenauerallee 37 zu Hause ist. Hier leistet sie seit 1962 Hilfe. Leiterin des multiprofessionellen Teams ist Christiane Wellnitz. Mit der Sozialarbeiterin und systemischen Therapeutin führte Pfarrer Andreas Schneider ein Gespräch.

Frau Wellnitz, das Thema unseres Heftes lautet „Licht und Schatten“. Sie leiten eine Einrichtung, zu der Menschen kommen, die das Gefühl haben, dass es sich in ihrem Leben gerade finster wird. Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Sehr gerne. Wir sind eine integrierte Beratungsstelle, das heißt, zu uns kommen Familien mit Kindern, Jugendliche, junge Erwachsene, Paare jeden Alters und Einzelpersonen bis ins hohe Alter. Da sind Eltern, die sich Sorgen um ihre Kinder machen, Eltern, die eine Paarkrise haben und Unterstützung brauchen, oder auch Hilfe bei einer gelingenden Trennung. Viele Jugendliche und junge Erwachsene suchen bei uns Unterstützung in depressiven Phasen, einer Situation der Einsamkeit oder auch in Trauer um einen geliebten Angehörigen. Wir haben auch eine Gruppe für trauernde Eltern, die ein Kind verloren haben. Und schließlich kommen Menschen in einer fortgeschrittenen Lebensphase, die einen alten Konflikt klären möchten. Ich würde sagen, bei uns ist die ganze Bandbreite menschlicher Krisen abgebildet.

Reden hilft!

Wie bringt man Licht in das Dunkle von Menschen mit diesen Problemen? Man kann ja nicht einfach wie beim Arzt eine Medizin verschreiben und gut ist?

Unser Motto ist „Reden hilft“! Darin steckt die Medizin, die wir zu bieten haben: wir hören erstmal zu! Das Erzählen in einem geschützten Raum mit einer Person, die zugewandt und mitfühlend ist und nicht urteilt, ist schon eine große Entlastung. Durch die Resonanz des Beratenden entstehen tiefere Gedanken, Gefühle kommen nach oben, die bis dahin keinen Platz hatten. Das bringt neue Entwicklungsschritte in Gang. Bei Paaren führt die Moderation, die Verlangsamung der Kommunikation durch einen Dritten, manchmal auch das Übersetzen zwischen den Konfliktparteien zu besserem Verständnis und wieder ausgeglichenerer Kommunikation.

Sie erleben viel Schilderungen von dunklen Momenten? Erleben Sie auch das Gegenteil, dass Menschen zu Ihnen kommen und berichten: „Sie haben wieder Licht in mein Chaos gebracht?

Oh ja, es gibt mindestens so viele lichte Momente wie dunkle und schwere. Es ist ein großes Geschenk, dass die Ratsuchenden uns ihr Vertrauen schenken und mit uns ihre Geschichte teilen. Allein das ist eine große Freude. Und dann zu sehen, dass sich auf der Grundlage des Vertrauens etwas Neues, Gutes entwickelt, ist wiederum Balsam für unsere Seele und Antrieb, weiter unsere Arbeit zu machen.

Ganz häufig ist am Ende eines Beratungsprozesses eine gelungene Entwicklung sichtbar, durch die die/der Ratsuchende wieder Mut und Kraft geschöpft hat. Es gibt auch immer wieder ehemalige Klient*innen, die sich später nochmal mit positiven Nachrichten melden – tatsächlich auch mal mit dem Hinweis: „Sie haben mir das Leben gerettet“.

So eine Arbeit in der Beratungsstelle kostet auch viel Zeit und Energie? Wie können wir als Kirchengemeinde Ihnen denn Gutes tun und für lichte Momente sorgen?Christiane Wellnitz

Das ist ja ein liebes Angebot! Es ist ein Geben und Nehmen mit den Kirchengemeinden. Wir sind da für die Ratsuchenden aus Ihrem Kirchenkreis und Sie sorgen für die finanzielle Sicherung unserer Beratungsstelle. Auch eine Gelegenheit wie diese, uns zu präsentieren mit unserer Arbeit, die ja sonst eher hinter verschlossenen Türen stattfindet, ist für uns ein Ausdruck Ihrer Wertschätzung – das freut uns sehr. Und ganz praktisch: eine Pfarrerin hat im letzten Sommer mal ein ganzes Tablett Eisbecher vorbeigebracht. Auch das geht bei uns immer 🙂

Vielen Dank für das Gespräch.