Das schaffe ich spielend

Das Vorschulprojekt „Das schaffe ich spielend“ orientiert sich an dem Modell des Kinderpsychodramas (nach Alfons Aichinger und Walter Holl) und bereitet Kinder auf die Grundschulzeit vor

Seit nun mehr acht Jahren bieten zwei Fachkräfte der Evangelischen Beratungsstelle Bonn das Vorschulprojekt „Das schaffe ich spielend“ in verschiedenen evangelischen Kindergärten in Bonn an. Unser Anspruch ist unterschiedliche Kindertagestätten (KiTas) Bonns mit diesem Präventivangebot zu versorgen. Deshalb können im unregelmäßigen Turnus ca. alle drei bis vier Jahre verschiedene KiTas von dem Projekt profitieren.

Die pädagogische Ausrichtung bezieht sich auf Kindergartenkinder mit unterschiedlicher sozialer und kultureller Herkunft, die sich im letzten KiTa-Jahr vor der Einschulung befinden. Weitere Teilnahmevoraussetzungen gibt es nicht und die Partizipation ist selbstverständlich freiwillig. Bisher haben immer alle Kinder teilgenommen und es kam sogar vor, dass Kinder aufgrund von Zurückstufung (d.h. das Kind verbleibt ein weiteres Jahr in der KiTa) zwei Mal hintereinander an dem Projekt teilnehmen konnten.

Die Gruppenstärke beläuft sich in der Regel auf fünf Kinder mit zwei Fachkräften. In diesem optimalen Betreuungsschlüssel werden Themen wie Selbstbehauptung und Einfühlungsvermögen, aber auch Teamarbeit oder Konfliktlösung spielerisch er- und bearbeitet. Im Vorfeld finden Informationsgespräche mit den Erzieher:innen und den Eltern der Vorschulkinder statt, aber auch nach Abschluss des Gruppenprozesses sind Gespräche selbstverständlich möglich. Der Austausch mit den Erzieher:innen und den Eltern ist wichtiger Bestandteil des Präventivangebotes und deshalb auch jederzeit und außerplanmäßig möglich. Hospitationen durch Eltern und Erzieher:innen sind dagegen nicht vorgesehen, da die Einheiten einen geschützten Rahmen im Interesse der Kinder darstellen.

Wie bereits beschrieben, richtet sich das Projekt „Das schaffe ich spielend“ an die Vorschulkinder der jeweiligen KiTas. Die Kinder befinden sich in der aufregenden Phase vom Kindergarten- zum Schulkind, sie sind oft voller Vorfreude, müssen aber auch die Unsicherheiten aushalten, die diese neue Lebensphase mit sich bringt. Zudem spüren sie die Erwartungen und Ängste der Erwachsenen. Gerade in dieser Zeit sind neben den kognitiven Fähigkeiten auch soziale Kompetenzen gefragt wie Einfühlungsvermögen, Konfliktlösungsverhalten und besonders die beiden Pole des Sich-Einfügens und des Sich-Behauptens in die Gruppe der Gleichaltrigen.

An dieser Stelle setzt das Projekt an. In wöchentlich stattfindenden Gruppenstunden trifft sich jede Gruppe bestehend aus vier bis maximal sechs Kindern im Turnraum der jeweiligen KiTa. Der Ablauf ist klar strukturiert: Nach der persönlichen Begrüßung und einem Aufwärmspiel findet das eigentliche Rollenspiel nach der Methode des Kinderpsychodramas (Alfons Aichinger, Walter Holl) statt. Diese Therapiemethode wurde von Aichinger und Holl in der therapeutischen Arbeit mit Kindern entwickelt auf der Grundlage des Psychodramas von J. L. Moreno. Der Fokus ist dabei auf die Ressourcen der Kinder gerichtet und die Therapeuten legen zugrunde, dass jedes Kind das Bedürfnis nach gelingenden Beziehungen und Selbstwirksamkeit hat. Außerdem werden Kreativität und Fantasie der Kinder weiter gefördert. Im Rollenspiel können die Kinder ihre erlebten Gefühle und Belastungen lustvoll ausspielen und bearbeiten. Denn das Spiel ist die Sprache der Kinder – und spielen macht Spaß. Die Kinder gestalten die Spielhandlungen, können ihre eigene Welt erschaffen und konflikthafte Erlebnisse oder Fantasien in den jeweiligen Rollen ausagieren. Die Symbolebene der Rolle stellt einen wichtigen Schutz für das Spiel der Kinder dar. Im Schutz der Rolle kann das Kinder auch Verhaltensweisen zeigen, die es sich im Kindergartenalltag vielleicht nicht traut zu zeigen.

In der ersten Projektstunde geben die Teamer das Thema „Bauernhof“ vor und jedes Kind wählt ein Tier für sich, das dort lebt. In allen weiteren Sitzungen entscheiden die Kinder, ob die Spielhandlung im Urwald, einem Naturpark, im Meer etc. oder weiter auf dem Bauernhof stattfindet. Bevor das Spiel startet, baut sich jedes Kind seine Behausung für das jeweilige Tier auf, die auch Rückzugs- und Schutzraum darstellt, die Teamer helfen dabei. Die Spielhandlung wird durch eine Glocke eingeleitet und am Ende der Stunde auch wieder beendet.

Wenn zum Beispiel der häufig eher laut-aggressiv agierende kleine Sven* ein Stier sein möchte und zunächst in wildem Agieren seine Stärke zeigt, wird er die Bauern im Spiel in Angst und Schrecken versetzen. Da auch die Teamer in Rollen agieren (z.B. Bauern, Ranger:innen, Meeresbiolog:innen), können diese auf der Rollenebene reagieren, die Stärke und Kraft des Stiers spiegeln und bewundern, sie können sich nach einer Weile z.B. aber auch laut wundern, weshalb der Stier mit seiner Kraft die ganze Weidefläche zerstört. Da könne er ja gar nicht mehr genüsslich weiden. Vielleicht könnten ihn die Bauern dazu bringen, den schweren Baumstamm (z.B. eine dickere zusammengerollte Matte), der beim letzten Sturm vor das Bauernhaus gefallen ist, wegzuschieben. Und wenn der Stier dann erschöpft in den See fällt, muss er gerettet und vielleicht in eine Wärmedecke gehüllt werden, denn schwimmen kann ein Stier ja nicht. Auf diese Weise kann Sven auch sein Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit zum Ausdruck bringen. Und auch Anna*, die kaum mit Erwachsenen spricht und sich im Kindergartenalltag wenig zutraut, spielt von der ersten Sitzung an mit. Als kleines Kaninchen kann sie vom Bau aus das Geschehen betrachten und/oder mit den anderen Tieren über die Wiese flitzen. Die Bauern können beispielsweise spiegeln, wie neugierig und interessiert sich das Kaninchen alles anschaut, wie schnell es rennen kann und beim Füttern nicht nur das weiche, kuschelige Fell bewundern, sondern auch die kleinen messerscharfen Krallen und Zähne benennen. Schon in der nächsten Stunde hat Anna große Freude daran, als kleine Katze den Bauern im Spiel die Hose zu zerkratzen und die Speisekammer mit den anderen Tieren zu plündern. Sie hat ihre starken Seiten entdeckt und traut sich nach ein paar Wochen auch im Kindergartenalltag viel mehr zu. Auch die anderen Kinder in der Gruppe erleben, wie toll sie miteinander spielen können.

Wie die Erzieher:innen und auch viele Eltern im Abschlussgespräch berichten, fragen die Kinder oft schon Tage vorher, wann das Projekt „Das schaffe ich spielend“ endlich wieder stattfindet. Und während des Spiels äußern sie ihre Freude ganz unvermittelt. Zum Ende einer Projektstunde äußern sie, dass sie das Rollenspiel am liebsten fortführen würden. Von den Erzieher:innen gefragt, was ihnen besonders gut gefällt, nennen sie alle Elemente des Projekts. Besonders genießen die Kinder die eigene Rollenwahl und den gemeinsamen Kampf gegen einen Außenfeind, den sie im Zusammenspiel der jeweiligen Stärken dingfest machen. Die Erzieher:innen und die Eltern berichten, dass die Kinder im Laufe des Projekts selbstbewusster, gruppenfähiger, toleranter und empathischer werden.

*alle Namen sind geändert

Kai Enters, Dipl.-Sozialpädagoge, systemischer Therapeut/Familientherapeut

Ingrid Wonneberger, M.A. Soziologie und Theaterwissenschaften, Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, Kinderpsychodrama-Leiterin

Literatur: Alfons Aichinger, Walter Holl: Gruppentherapie mit Kindern, Kinderpsychodrama: Band 1, Wiesbaden 2010.

  • marcobir (iStock)