Дети − будущее Одессы! – Kinder sind die Zukunft von Odessa

Thomas Dobbek erinnert sich an seine Ukrainereise und ist besorgt mit Hinblick auf die neue Generation von Kriegskindern

Kinder sitzen neben dem aus Bronze gegossenen Leonid Utjossow auf einer Bank in Odessa, Oktober 2010

Drei Jungs, einer mit Mütze und einer mit schief aufgesetzter Cappy, haben sich auf eine Parkbank neben die Bronzefigur eines sowjetischen Jazzsängers gesetzt. Zwei Mädchen mit geflochtenen Haaren gesellen sich dazu und lachen. Es ist ein sonniger Oktobertag, an dem Thomas Dobbek diese Szene auf der Deribasovskaya einfängt – die Flaniermeile der ukrainischen Hafenstadt Odessa.

Schachspiel am Strand von Odessa, Oktober 2010

Er wollte 2010 mal abseits der klassisch europäischen Touristenorte reisen. Mit seiner Kamera hält er verschiedene Szenen auf den lebhaften Straßen fest: Männer bei einer Partie Schach, Blumenverkäuferinnen am Wegesrand oder robuste Schwimmer*innen, die sich noch im Herbst ins Schwarze Meer wagen. Als hochmodern mit Ostblock-Charm beschreibt er diese Stadt voll fröhlicher, junger Ukrainer*innen. Im Café Kompot trifft er

Blumenmarkt in Odessa, Oktober 2010

auf interessierte, offene Menschen und auf eine Atmosphäre, die der in einem Café in einer Metropole wie Paris in nichts nachstehe.

Wie fröhlich und lebendig Kinder von Natur aus seien, völlig gleich wo auf der Welt, hatte ihn damals berührt. „Wenn ich mir das Foto mit den Kindern heute anschaue, frage ich mich natürlich, was aus ihnen geworden ist. Müssen sie kämpfen und befinden sich an der Front? Leben sie überhaupt noch? Haben Sie vielleicht sogar schon selbst Kinder, die nun auf der Flucht sind?“

Weit mehr als eine Millionen ukrainische Kinder und Jugendliche begaben sich kurz nach dem russischen Angriff überwiegend mit ihren Müttern auf die Flucht. Viele von ihnen werden vor allem männliche Familienmitglieder, die im Krieg kämpfen, nie wiedersehen. Diesen einschneidenden Verlust teilen sie mit unzähligen Kindern und Jugendlichen aus ihrem Nachbarland Russland.  

„Ich sehe eine Welle kriegstraumatisierter Kinder auf uns zukommen.“

Die UN-Kinderrechte besagen, ein Kind solle „umgeben von Glück, Liebe und Verständnis“ aufwachsen, außerdem „im Geist des Friedens“. Fast schon zynisch lesen sich diese Forderungen, während Kinder und Jugendliche weltweit unter den Erlebnissen inmitten von Krieg oder auf der Flucht so traumatische Erfahrungen machen, dass ihre mentale Gesundheit über die belastbaren Grenzen hinaus beeinträchtigt wird.

Insbesondere seit 2015 hört das Beratungsstellenteam in Gesprächen die schweren Fluchtgeschichten. „Geflüchtete, ob aus Kriegsgebieten wie Syrien und Afghanistan oder aus anderen Krisengebieten, sind seit Jahren fester Bestandteil unseres Beratungsalltags. Die traurige Realität ist, dass wir dadurch bereits einen großen Erfahrungsschatz sammeln konnten“ so Dobbek.  Ob und inwieweit eine Retraumatisierung durch die mediale Präsenz und die Bilder aus den ukrainischen Kriegsgebieten entstand, lässt sich aber zumindest in der Beratungsstelle nur mutmaßen.

Ruf nach Frieden: auf einem Banner am Haus der Evangelischen Kirche

Auch nach Monaten erzeugen die Bilder aus der Ukraine Hilflosigkeit und Ohnmacht. Kurz nach dem Angriff am 24. Februar wurde am Haus der Evangelischen Kirche zur Rheinpromenade hin ein Banner befestigt. Das Wort Frieden ist darauf mehrfach hintereinander gereiht zu lesen.

Und dann werden da auch noch Erinnerungen lebendig. We share the same biology, regardless of ideology, believe me when I say to you I hope the Russians love their children too singt Sting – im Jahr 1985.

Unsere Kriegskinder

Nach Ende des zweiten Weltkriegs war das Interesse an den psychischen Folgen der Kriegskinder kaum vorhanden. Schweigen schien zumindest in Deutschland eine kollektive Maßnahme zu sein. Erst seit Ende der 90er Jahre rückt die Wichtigkeit des Themas in Bewusstsein und die Forschung.
Sabine Bode setzte sich damals intensiv mit dem Thema auseinander. Oft stieß sie bei der Recherche auf Kriegskinder, für die der Schrecken des Kriegs Teil ihrer Normalität war. In der Mehrzahl hatten die Kinder nicht das Gefühl, etwas Schlimmes erlebt zu haben – weil sie keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen von damals hatten. Denn häufige Überlebensstrategie war die emotionale Betäubung. Und die hielt bei vielen ein Leben lang an. In Lebensphasen mit erhöhtem Stress kamen Folgeschäden der Traumatisierung zum Vorschein. Die Ursache dagegen blieb oft unerkannt und war schwer nachzuvollziehen. Während des Krieges ging es genau wie bei aktuellen Kriegsgeschehnissen um das körperliche, nicht um das emotionale Überleben.

Kriegstrauma und Kinder auf der Flucht

Wenngleich die psychische Versorgung heute eine andere ist als in den 50er Jahren, entstehen Kriegstraumata noch auf die gleiche Weise. Das Aushalten von Todesangst, das Erleben und Beisein von Vergewaltigung, Misshandlung, Mord ist ein auf Dauer nicht auszuhaltender Zustand. Die Gefühle werden mit der Zeit heruntergedrückt, hineingedrückt oder aber so gut es geht einfach abgespalten. „Beide Varianten sind nur Notlösungen meiner Seele und mit zeitlicher Verzögerung kommen die abgespaltenen Gefühle wieder hoch oder mit geballter Macht zurück“ so Dobbek.

Kinder seien wie Gefühlsseismographen und empfangen schon kleinste Schwingungen in ihrem Umfeld. Die Angst der Erwachsenen geht auf sie über. Sei es die Angst vor dem eigenen Tod oder die Angst, ein Familienmitglied könne bereits im Krieg zu Tode gekommen sein. „Und nicht zuletzt ist es der Verlust der Heimat, der Verlust von Papa, Onkel oder Opa, die im Krieg kämpfen.“ Hier entstehen durchaus sogar Schuldgefühlen bei Kindern und Jugendlichen, weil sie ihnen nicht haben helfen können.

Auf Geflüchtete zugehen

Das Rathaus von Odessa, aufgenommen im Oktober 2010

Дети − будущее Одессы! („Kinder sind die Zukunft von Odessa“)

Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind, ist ganz natürlich, sagt Thomas Dobbek. Das Wichtigste sei es oft, ein Gefühl von Normalität und Sicherheit wiederherzustellen. Alltägliche Dinge wie der Gebrauch eines Fahrrads, geregelte Mahlzeiten, Schule – all das stabilisiere. Sich den Menschen zuwenden, ihnen ein Gefühl von Geborgenheit geben und Kinder gemeinsam spielen lassen. Und sich nicht durch eventuelle Sprachbarrieren verunsichern lassen, denn manches braucht nicht so viele Worte. Mimik und Gestik und vor allem ein Lächeln seien oft ein ebenso kurzer wie hilfreicher Weg der Verständigung.

Ein Warnsignal für Menschen in Kontakt mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen seien entweder Erstarren und Teilnahmslosigkeit oder das Gegenteil mit motorisch extrem auffälligen Wesenszügen. Als Erwachsene sei es wichtig, „selbst Ruhe auszustrahlen, um zum Fels in der Brandung zu werden. So können die Kinder nach und nach spüren, dass sie nun in Sicherheit sind. Fachlich wird dies die Stabilisierungsphase genannt, die unverzichtbare Grundlage für weitere Maßnahmen ist“.

Thomas Dobbek zeigt ein weiteres Foto seiner Reise, die bereits 12 Jahre zurückliegt. Es zeigt das Rathaus von Odessa, das mit einem Banner verziert wurde. Erst vor kurzem hat er herausgefunden, was die kyrillischen Buchstaben darauf bedeuten: „Kinder – sind die Zukunft von Odessa!“

Leuchtturm Mariupol

Das Projekt Leuchtturm Mariupol wird von der Aktion Mensch gefördert und durch die Evangelische Migrations- und Flüchtlingsarbeit in Bonn (EMFA) durchgeführt. Das Projekt richtet sich an geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine und zielt darauf ab, ihnen einen sicheren Raum für soziale Aktivitäten bieten zu können.

Antikriegsfilme des Medienprojekts Wuppertal

Das Medienprojekt Wuppertal hat eine Reihe von Antikriegsfilmen produziert. Mehr dazu finden Sie auf der Website .

Quellen

Bode, Sabine: Vortrag „Kriegskinder“ 12. Deutscher Seniorentag, 2018 in Dortmund.
BMFSFJ, Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. VN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien. Berlin 2018. S. 10.
Fotos: Dobbek, Thomas. Odessa 2010. / Trierscheidt, Jennifer. Bonn 2022.

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