Das Geheimnis einer langen Ehe und wann sie Hilfe braucht

Das Geheimnis einer langen Ehe und wann sie Hilfe braucht

Für den PROtestant haben Christiane Wellnitz und Lena Kunert Fragen von Joachim Gerhard (Kirchenkreis Bonn) beantwortet – zu Ehekrisen, Prävention und dem Versprechen, das in schweren Zeiten tragen kann. Den PROtestant und das Interview können Sie online lesen! Hier kommen Sie zur aktuellen Ausgabe.

PRO: Gibt es ein Geheimnis, dass und wie eine Ehe lange hält?

Christiane Wellnitz: Unsere ersten Beziehungserfahrungen machen wir in der Kindheit. Dort lernen wir, ob wir uns auf andere verlassen können und wie sich Nähe anfühlt. Zur Entstehung einer sicheren Bindung in der Kindheit braucht es einerseits Vertrauen und Sicherheit und andererseits Erkundung und Entwicklungsmöglichkeiten. Das braucht es auch für eine sichere Paarbeziehung: Zusammenhalt und Freiheit. Um dies immer wieder auszuloten ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben.

Christiane Wellnitz, Leiterin der Beratungsstelle

PRO: Ist das christliche Versprechen vor dem Altar „Wir bleiben zusammen bis der Tod uns scheidet“ hilfreich?

Christiane Wellnitz: Ein Versprechen allein garantiert noch keine gelingen de Ehe. Denn es ist nicht vorhersehbar, wie sich das Leben entwickelt. Eher geht es vielleicht um die gute Absicht, sich in guten und schweren Zeiten bei zustehen und um den Vorsatz, sein Leben miteinander zu teilen. Schön wäre doch, wenn sich das Paar sein Ehe-Versprechen selbst gestalten und formulieren könnte.

Ein Versprechen, das in schweren Zeiten tragen kann

PRO: Evangelisch gesehen ist die Ehe kein Sakrament und doch liegt Segen auf ihr. Spielt das eine Rolle in den Beratungsgesprächen, gerade auch bei konfessionsverschiedenen Paaren?

Christiane Wellnitz: So vielfältig wie die Menschen und Paarbeziehungen sind, so vielfältig ist auch die Bedeutung der Heirat und auch der christlichen Trauung. Dabei spielt die unter schiedliche Konfession keine Rolle, sondern die innere Verbindlichkeit und Verpflichtung, die die Ehepartner empfinden.

PRO: Aber das Eingehen einer Ehe und vor allem die christliche Trauung ist eine besondere Dokumentation der Verbindung …

Christiane Wellnitz: … und verbunden mit der Hoffnung auf den göttlichen Segen. Wenn ein Paar in der Krise ist, geht es vorrangig um die aktuellen Probleme und deren Bewältigung. Die Besinnung auf das, was man sich mal versprochen hat, kann dabei über manch schwere Zeit tragen.

PRO: Was sind aus Ihrer Beratungserfahrung die größten Herausforderungen für die Ehe heute?

Lena Kunert: Die Herausforderungen für eine Ehe, eine Paarbeziehung richten sich im Wesentlichen immer nach den gesellschaftlichen Herausforderungen, die gerade relevant sind. Aktuell sind besonders Familien mit jungen Kindern vor vielfältige Herausforderungen gestellt. Zwar vollzieht sich seit einigen Jahren ein Wandel in Richtung gleich aufgeteilter Care-Arbeit, doch die Strukturen, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, hinken hinterher.

PRO: Was bedeutet das konkret?

Lena Kunert: Es gibt nach wie vor große Ungleichheiten beim Gehalt, bei der Möglichkeit zu flexiblen Arbeitszeiten und bei der Akzeptanz von Vätern, die Elternzeit nehmen. Oft müssen beide Elternteile viel arbeiten, da das Gehalt häufig nicht aus reicht, um die Miete in der Stadt zu bezahlen oder für die Abbezahlung eines Kredits zum Beispiel. Dazu gibt es ein wachsendes Betreuungsproblem, Stichwort zu wenig Kita-Plätze. Diese Themen sind die Grundlage vieler Konflikte zwischen Eheleuten und können durch die individuelle Erschöpfung des Einzelnen, verursacht durch Beruf und Familie, verstärkt werden.

PRO: Da bleibt wenig Zeit und Raum für die Pflege der Beziehung.

Lena Kunert: Genau, und wenn der Alltag von den Rollen als Arbeitnehmer und Elternteil geprägt ist, kommt die Paarebene eben schnell zu kurz. Das gilt besonders für die ersten Jahre nach der Familiengründung. Dabei gibt es in Deutschland viel Potenzial, Familien zu entlasten, wovon viele Paare profitieren würden.

Gemeinsam neue Ziele in den Blick nehmen

PRO: Dazu gehören die Angebote für Paare gerade auch mit Kindern bei Ihnen in der Evangelischen Bratungsstelle. Wann sollte sich ein Paar Hilfe holen?

Lena Kunert: Da gibt es keine eindeutige Antwort. Der Erfolg einer Paar therapie hängt wesentlich auch von der Motivation des Paares ab. Mein Grundsatz lautet: Lieber früher als später. Ein Indikator für den Bedarf an Unterstützung ist, dass man sich als Paar im Konflikt immer wieder am selben Punkt begegnet und die Perspektive des Partners, der Partnerin aus den Augen verloren hat. Zudem kann eine Beratung eine gute Begleitung sein, wenn ich merke, dass sich meine Beziehung auf einmal anders anfühlt. Vielleicht haben sich romantische, emotionale und auch körperliche Bedürfnisse verändert – und zwar nicht in die gleiche Richtung. Viele Beziehungen transformieren sich im Laufe des Lebens ein- oder mehrmals. Diese Veränderungen können mit paartherapeutischen Methoden begleitet werden, sodass der Fokus auf neue gemeinsame Ziele und ein aktualisiertes Selbstverständnis gerichtet wird.

Lena Kunert, Systemische Beraterin

PRO: Dazu kommen Herausforderungen, die man sich nicht selbst gemacht hat.

Lena Kunert: Ja und auch die fordern sehr. Ein Kind wird krank oder man selbst oder die Pflege der Eltern oder weiterer naher Angehöriger. Das sind existenzielle Krisen. Das ist wie ein Anschlag auf die Paarbeziehung. Gerade in diesen Lebensphasen ist ein unterstützendes soziales Netz genau so wichtig wie die Unterstützung von außen durch Psychotherapie, Beratungs- und weitere Anlaufstellen.

PRO: Wann kommen Menschen besser alleine zur Beratung? Wann zusammen?

Lena Kunert: Hierzu gibt es sehr unterschiedliche Positionen. Bei uns laden wir in der Regel das Paar gemeinsam zu den Gesprächen ein und führen nur in Einzelfällen Einzelgespräche. Wenn es ein Thema gibt, das einen der Beziehungspartner mehr betrifft als den anderen und es einer besonderen Würdigung bedarf, empfehle ich eine parallele oder zunächst ausschließliche Einzelberatung.

PRO: Warum überhaupt Paartherapie oder Paarberatung?

Lena Kunert: Unser Gesundheitssystem basiert leider auf dem Grundsatz der Intervention statt der Prävention. Das spiegelt sich auch in den Erstgesprächen in Beratungsstellen wider. Oft finden Menschen erst zu uns, wenn sich die Krise bereits manifestiert hat. Das ist völlig in Ordnung, denn Krisen lassen sich nicht planen. Dennoch wünsche ich mir sehr, dass psychologische Beratung ein besseres Image bekommt und sich Menschen trauen, schon früher zu uns zu kommen.

Krisenfestigkeit stärken

PRO: Ich sollte mir also Hilfe nicht erst „gönnen“, wenn es mir bereits schlecht geht.

Lena Kunert: So ist es. Oft kann man mit wenigen Gesprächen präventiv viel erreichen, und das gilt auch für Paarbeziehungen. Wenn Paare mit dem Wunsch, an ihrer Beziehung zu arbeiten und sich zu stärken, eine Therapie aufsuchen, kann sich das positiv auf die Krisenfestigkeit ihrer Beziehung auswirken. Ich habe von einem Trend gehört, bei dem Trauzeugen zur Hochzeit Gutscheine für ein bis vier Stunden Paartherapie verschenken. Auch wenn das auf den ersten Blick merkwürdig erscheint, finde ich die Idee großartig. Menschen, die heiraten, wollen sich für eine lange Zeit miteinander verbinden, und wie wir alle wissen, hält das Leben viele Krisen bereit. Ob der Gutschein für Krisen genutzt wird oder als Vorsorge – in vielen Fällen wird es dem Paar guttun.

Joachim Gerhardt